Vukovar: die beschossene Stadt

Früh aus den Federn, Frühstück in der Sonne und jetzt schieben! Fünfzig Meter bis zur Zollstation. Ich hatte viel Bürokratie erwartet, aber die ungarischen Zollbeamten kamen mit Photokamera’s bewaffnet nach draußen um die ganze Szene zu photographieren. Gastfreundlich wurde uns was Kleines zum trinken angeboten und nach einem kleinen Konzert durften wir weiter schieben bis zur kroatischen Grenze. Da durften wir nach ein paar erstaunten Blicken, ein paar Stempeln in unsere Pässe offiziell die Europäische Union verlassen.
Ein langer, etwas steiler Landweg bringt uns in den Balkan. Der Weg ist von Mohnblumen und Feldblumen umsäumt. Spannend, dies für mich neue Land, dieses neue Gebiet. Die Sonne scheint kräftig trotz der frühen Morgenstunde. Nach zweihundert Metern schreibe ich mit dickem Stift „Auto-Kuka, Osijek“ auf einen Pappkarton. Am Tag zuvor hat der Besitzer der Raststätte uns versichert dass am Samstag viel Fernverkehr die Grenze überquert, aber das sieht jetzt anders aus. Nach einer halben Stunde kommt ein Franzose auf einem Fahrrad vorbei. Er erzählt uns dass er sich gleich nach seiner Pensionierung auf sein Fahrrad gesetzt hat um eine Reise entlang der Donau zu machen. Auch er ist auf dem Weg nach Istanbul. Schön, andere Reisende zu treffen und wie inspirierend ist es, Menschen zu sehen, die ihre Träume verwirklichen. Wir winken einander zu. Rührend finden wir es, ihn als einen kleinen Punkt verschwinden zu sehen. Menschen auf Reisen.
Ein einheimischer Arbeiter in einem Bus hält an, aber er hat keinen Zughaken. Viele Leute winken freundlich wenn sie an uns vorbei fahren, aber einer Trampfahrt gehen sie trotzdem aus dem Weg. Der Landweg ist zu steil um den Wohnwagen schieben zu können. Zwei Stunden später, als ich gerade ein „Wie lange werden wir hier noch stehen bleiben“ in der schwülen Hitze seufze, hält ein Mercedes mit deutschem Kennzeichen an. Ein kroatischer Mann, so um die sechzig, kuppelt unser Wohnwagen an. Unterwegs erzählt er, dass er halb in dem kroatischen Dorf Tenja und halb in Oberhausen wohnt.
Ich weiß nicht ob es nur meine Ansicht ist, aber ich finde es sehr erstaunlich dass jemand einen Unbekannten mit Hund und Wohnwagen mitnimmt. Die Situation wird noch erstaunlicher wenn der Mann uns bei sich zu Hause einlädt. Hinter der Tür seiner Metallwerkstätte zeigt er uns stolz eine große Voliere mit einer Sammlung von achtunddreißig Papageien; Ara’s, Graupapageien und Kakadus.
Kurz darauf fährt er uns dreißig Kilometer weiter, bis nach Vukovar. Wir stehen gegenüber dem neu eröffneten Café Piramide. Selina, eine Kellnerin, bedient uns mit Pizza und Salat. Sie erzählt uns, dass die Stadt schwer beschossen worden ist während des Balkankrieges. Es ist sehr konfrontierend so aus der Nähe die Spuren des Krieges zu sehen. so nah von zu Hause und ein Krieg der erst vor kurzem statt gefunden hat. Um Mitternacht wandern wir an den vielen Häusern vorbei deren Mauern noch Kugellöcher zeigen, ein in Unbrauch geratener Bahnhof und komplett kaputt geschossene Gebäude. Wir entdecken eine Kriegsgedenkstätte auf einem außergewöhnlichen Platz; einem Fußballplatz. Die Sprühanlage auf dem Feld sprüht Wasser. Drei Tage habe ich mich nicht geduscht. Ich klettere über den Zaun und wasche, während ich nackt im Kreis herum renne, die Hitze, den Schweiß, den Schmutz und alle heftigen Eindrucken von mir ab.
Utrecht