Menschen auf der Durchreise
Seit drei Tagen ist das kleine Restaurant von Haidt Süd mein Basislager. Ich habe einen Stammtisch in der Ecke. Von da aus habe ich eine gute Aussicht über den vom Schnee befreiten Parkplatz. Der aufstehende Ziegelrand neben mir verfügt über einen 230 Volt Anschluss für den Laptop. Ein plastik Geranium steht auf dem Tisch und mit rotem Kunststoff beschichteten Stühle um den Tisch herum. Dachs bekommt von den Restaurant-Damen ab und zu ein neues Schälchen Wasser. Ich sitze genau hinter den Spielautomaten, die um die 30 Sekunden ein Geräusch hervorbringen, eine Art ‘whoaaa’.
Wahrscheinlich verlockend gemeint zur Ermutigung um selber auch zu spielen. Noch nie wurde ich so oft hin und her geschleudert in meinen Gefühlen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Nachdem ich eine Weile mit meinem Schild aus Pappe draußen gestanden habe, geh ich wieder herein um warm zu werden. Plötzlich sehe ich einen kleinen blauen Lieferwagen mit einem gelben Kennzeichen, ‘Hurra!’ Ich schnelle hoch und mir fällt auch auf, dass der Wagen eine Anhängerkupplung hat. ‘Eine Chance!’ Ich beeile mich nach draußen und bin gerade noch im Stande die roten Rücklichte zu sehen, die den Parkplatz wieder verlassen. Bei der Kaffeetheke treffe ich zwei freundliche Krankenwagen Mitarbeiter an, die in Österreich jemanden abholen werden, aber leider keine Anhängerkupplung haben. Drei Jungs haben ihre Freundinnen zu Hause gelassen und werden zusammen Skifahren in Österreich. Anhängerkupplung: ja; jedoch haben sie noch nie mit einem Wohnwagen hinter dem Auto gefahren. Kurz und gut, einige Beispiele meiner Erfahrungen.
Mittlerweile spreche ich immer weniger Menschen an, aber beobachte ausführlich Gesichter und Bewegungen. Die unterschiedlichen Arten der Motorik: biegsam und steif und alles dazwischen. Dick, dünn und alles dazwischen. Geschlossene und offene Blicke und alles dazwischen. Am Telefon. Etwas essen und trinken und wieder los. Pinkelpause und wieder los. Menschen auf der Durchreise.
Ich bekomme den Eindruck, viele Menschen finden mich fremd. Vielleicht ist diese Reise auch fremd, aber ich sehe die Welt staunend zu. Als Kind dachte ich immer, dass Erwachsenen eine Art Bündnis hätten, wie: ‘wenn du später ein großer Junge bist, wirst du verstehen.’ Dass an einem bestimmten Moment der Vorhang fällt und das Leben dann uf einmal wirklich los geht. Nachdem bei mir der Vorhang gefallen ist, stoße ich von dem einen Staunen auf das nächste. Erstaunen über wie Dinge in einander stecken. Erstaunen auch über Beweggründe. Menschen auf der Durchreise. Was bewegt dich? Was ist deine Inspiration? Verwirklichst du das woran du glaubst?
Utrecht